Warum die klassische Pyramide ausgedient hat

Warum die klassische Pyramide ausgedient hat

Die klassische Pyramide ist gut darin sicherzustellen, dass alles so bleibt wie bisher. In stabilen Zeiten ist das eine große Stärke. Wenn sich die Umgebung aber rasant verändert, braucht es neue Organisationsformen.

9/17/2019

Text: Sebastian Klein & Ben Hughes
Illustrationen: Robert Löbel

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Antwort auf die Frage, wie sich größere Gruppen von Menschen organisieren lassen, unumstritten: in Form einer Pyramide. In den Geschichtsbüchern finden sich zahlreiche Beispiele für ihren Erfolg. Wann immer große Gruppen von Menschen an einer gemeinsamen Sache arbeiten, ob in Form von Armeen, Fabriken oder ganzen Königreichen, schien die Pyramide unabdingbar zu sein.

Das gilt auch und insbesondere für Unternehmen. Und das ist nicht verwunderlich: Die klassische Hierarchie schafft es, Komplexität aus einem System herauszunehmen. Sie sorgt für Klarheit. In ihr weiß jeder, was er oder sie zu tun hat. Und größere Aufgaben lassen sich wunderbar auf verschiedene Teilbereiche einer Organisation verteilen.

Wenn traditionelle Hierarchien so lange so gut funktioniert haben, warum soll sich das nun ändern?

Schlechte Zeiten für Tankschiffe

Noch vor nicht allzu langer Zeit bewegten sich die meisten Organisationen in halbwegs stabilen Umfeldern. Natürlich gab es auch vor fünfzig, hundert und zweihundert Jahren technische Umwälzungen, doch damals vollzog sich der Wandel nicht so rasant wie heute. Wenn sich außen um die Organisation herum nicht allzu viel ändert, wenn Geschäftsmodelle nicht nur ein paar Wochen, sondern jahrzehntelang funktionieren, sorgt die Pyramide auch im Inneren für die nötige Stabilität. Sie ist gut darin sicherzustellen, dass alles bleibt wie bisher. In stabilen Zeiten ist das eine große Stärke.

Heute sind die Umgebungen von Organisationen enorm in Schwingung. Jede Woche kommen neue Wettbewerber hinzu, andere verschwinden wieder vom Markt. Und Unternehmen müssen mit genau diesen Bedingungen einen Umgang finden, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Die Pyramide ist zwar schnell und effizient, wenn es um die Ausführung von Plänen geht, sie ist jedoch langsam und träge, wenn es um Veränderungen geht. Und das disqualifiziert sie für die Gegenwart.

Wenn sich in der äußeren Welt einer Organisation etwas verändert, kommt das meistens nicht zuerst in der Firmenzentrale an. Die Ersten, die es mitbekommen, sind häufig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Peripherie des Unternehmens: Vertrieblerinnen, Fahrer, Kassierer und alle Personen mit Kontakt zur Außenwelt, die tagtäglich erleben, wie sich die Welt des Kunden verändert.

Wenn ein solcher Sensor in der alten Welt der Pyramide eine Veränderung wahrnimmt, muss er diese Information über die Befehlskette nach oben senden: dorthin, wo die Entscheidungen getroffen werden. Bis die Information aber dort angelangt ist, vergehen Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. Und selbst wenn der Veränderungsimpuls endlich durchgedrungen und eine Entscheidung getroffen ist, muss diese wieder durch die ganze Befehlskette nach unten kaskadiert werden, bis sich im Verhalten des Unternehmens wirklich etwas verändert. Das tut weder der Organisation gut, noch wird es den Menschen gerecht, die darin arbeiten.

Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen wollen

In der klassisch hierarchischen Organisation sollen die Mitarbeiter ausführen, was von oben nach unten delegiert wird. Sie haben eine feste Position mit einem klar abgegrenzten Wirkbereich; alles, was rechts und links von ihnen passiert, fällt nicht in ihre Verantwortung. Nun brauchen Unternehmen in einem sich ständig verändernden Umfeld dringend gut ausgebildete Mitarbeiter, die Veränderungen erkennen und auf sie reagieren, die mitdenken, Chancen ergreifen und bereit sind, ständig Neues zu lernen. Diese Art von Mitarbeitern bekommt allerdings nur, wer Freiräume bietet und Verantwortung wirklich abgibt, statt nur darüber zu sprechen.

Wenn Unternehmen das nicht schaffen, haben sie keine Chance, in turbulenten Umgebungen zu überleben. Denn gerade die jungen, gut ausgebildeten Menschen, die so dringend benötigt werden, sind heute kaum noch bereit, für Unternehmen zu arbeiten, die ihnen keine Verantwortung, keine Flexibilität und keine Lernmöglichkeiten geben.

Es zeichnet sich ein Bild, in dem Unternehmen eigentlich nur zwei Möglichkeiten haben: entweder weitermachen wie gehabt und akzeptieren, dass das in eine Sackgasse führen wird. Oder sich der großen Herausforderung einer Transformation stellen.